B Grundlagen der Zusammenarbeit im social forum

Grundlagen der Zusammenarbeit im social forum
formuliert von der Hearing-Vorbereitungsgruppe,
vorgestellt beim Hearing am 23.2.2002

1. Proteste sichtbar machen
Das bedeutet, soziale Auseinandersetzungen transparent machen und wieder auf die Tagesordnung setzen. Damit können wir der herrschenden neoliberalen Ideologie der Verwertung, Bewertung und Abwertung menschlichen Lebens andere Sichtweisen auf die Organisation menschlichen Zusammenlebens gegenüber stellen.

2. Aufeinander beziehen statt Vereinheitlichung
Das Ziel soll nicht eine vorschnelle Vereinheitlichung sein, sondern wir schlagen ein Aufeinander-in-Beziehung-setzen vor. Sich gegenseitig informieren/ mobilisieren über/für jeweils geplante Aktivitäten ist ein Aspekt der Zusammenarbeit, sie sollte sich aber darin nicht erschöpfen.

3. Voneinander lernen
Das social forum soll einen Prozess ermöglichen, in dem alle Beteiligten ihre politischen Positionen schärfen, weiterentwickeln, neu definieren wollen und können.

4. Solidarität in der Praxis
Die Vernetzung macht Zusammenhänge erkennbar, auch für uns selbst. Das Netzwerk, das wir anstreben, beinhaltet eine Dynamik und die Möglichkeit eines Prozesses, der sich nicht so schnell vereinnahmen und befrieden lässt, weil wir durch unsere manchmal lockere, manchmal engere Form der Zusammenarbeit nicht so einfach gegeneinander ausspielbar sind.

5. Spaltungen verhindern
Es kommt dabei darauf an, sich nicht in einen bösen und guten, militanten und konstruktiven Protest spalten zu lassen. Schon gar nicht von denen, die militärische Mittel zur Grundlage ihrer Außenpolitik gemacht haben. Wir müssen verstehen, dass wir hierfür die Vielheit („Multitude“) des Protests brauchen. Dazu ist Offenheit notwendig.
Wir müssen jenen Respekt füreinander entwickeln, den eine so neue Form der (Nicht-)Organisation nötig hat. Es geht nicht um den Sieg einer Linie, sondern es geht darum, die Kräfte der Selbstregierung zu stärken. Wer hier mit sozialdemokratischen, leninistischen, maoistischen, autonomen, anarchistischen oder gar grünen Führungsansprüchen daherkommt, der ist bereits zu spät gekommen.

6. Abgrenzung von der rechten Globalisierungskritik
Aber das bedeutet keineswegs eine inhaltliche Beliebigkeit. Die von uns vorgeschlagene Plattform globalisierungskritischer Gruppen hat nichts zu tun mit Überfremdungsängsten, sie hat nichts zu tun mit der Verteidigung von Pseudo-Identitäten, seien sie ethnischer, kultureller oder biologistischer Herkunft.
Das bedeutet eine klare Trennlinie zu rechten und nationalbornierten Positionen gegen Globalisierung. Die von uns vertretene Kritik der Globalisierung meint nicht die Verteidigung des „Standort Deutschland“ oder „deutscher Interessen“ bzw. der „Festung Europa“.
Eine lokale Plattform globalisierungskritischer Gruppen kann daher nur auf der Basis von globaler Zusammenarbeit mit anderen ähnlich denkenden und handelnden Gruppen beruhen. Das social forum wird mit einer Kirchturmsperspektive nicht überleben.

7. Politische Differenzen offensiv thematisieren
Es bedarf auch inhaltlicher Diskussionen zwischen uns. Daher wollen wir auch kurz die politischen Differenzen ansprechen, die uns von einander trennen.
Die politische Herausforderung, vor der wir stehen, ist, dass wir zwei unterschiedliche Spielarten von Kritik zusammendenken und zusammenbringen müssen.
Da sind auf der einen Seite diejenigen, die sich die Verteidigung des fordistischen Wohlfahrtsstaates zur Aufgabe gemacht haben. Sie setzen nach wie vor auf die bisherige Sozialstaatspolitik.
Auf der anderen Seiten finden sich diejenigen, die keinen großen Sinn in der Verteidigung des Sozialstaates sehen und die Krise des Fordismus als Ausgangspunkt für eine umfassende Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse sehen. Sie verweisen auf die Kontrollmechanismen und die Bevormundungen des Sozialstaates.
Dieser Widerspruch wird uns weiter beschäftigen.

8. „Diffusität“ als Vorteil
Die mit unserem Vorschlag notwendigerweise verbundene Diffusität sollten wir als Vorteil empfinden. Was nicht fassbar ist, lässt sich nur schwer denunzieren, in Schubladen packen und ablegen. Darin besteht ja gerade der Charme der ganzen Angelegenheit. Die Verortung in einer globalen außer-parlamentarischen Bewegung verleiht den eigenen Anliegen eine größere Bedeutung. Eine solche Perspektive ermutigt das Sich Einmischen“, sie befördert das Engagement und sie verstärkt unsere Bedeutung in den kommenden sozialen Kämpfen.

9. Netzwerk-Gedanke
Das social forum soll ein Netzwerk ergeben aus Einzelpersonen, Gruppen und Initiativen, die lokal/regional zusammenarbeiten. Wir schlagen vor, an einer globalen sozialen Bewegung teilzuhaben, die gegenwärtig die Chance für einen emanzipatorischen Wandel besitzt. Kurzum, wir schlagen vor, ein „social forum“ in Tübingen als inhaltliche Plattform zu gründen, das sich als vielfältige, außerparlamentarische Opposition versteht und auf die Stärkung der Selbstregierung abzielt.

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